Auszug aus PERTHO:
Es ist das Zwitschern eines Vogels, das mich
aufweckt, und die leichte Brise, die über meinen Oberkörper
streicht. Ich öffne langsam die Augen.
Mein Kopf liegt auf meinem Arm und ich sehe durch
einen weißen Vorhang hinaus in einen Garten, auf einen Brunnen,
in dem sich zufrieden der Vogel badet, der mich aufgeweckt hat.
Ich drehe mich auf den Rücken. An der Decke
über mir liegt eine Frau in einem weißen Anzug, so
weiß wie die Bettwäsche auf ihrem großen Bett, und ich
bringe verschlafen die Hand an meine Augen, weil ich nicht weiß,
ob ich noch träume.
Als die Frau über mir genau dasselbe macht,
setze ich mich abrupt auf.
Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, an diesen Raum
erinnere ich mich nicht, ganz gleich, wie sehr sich meine Gedanken
überschlagen und mir zu erklären versuchen, wie ich von der
Couch
der Couch bei Janosch
ich bin bei Janosch
in dieses Bett komme.
Und in diesen Pyjama.
Ich springe auf und schaue mich panisch um. Aber
meine Kleider sind nicht hier.
Nur das zerwühlte Bett.
“Oh, verdammte Scheiße.”
Ich stütze eine Hand in meine Hüfte, die
andere drücke ich gegen meine Stirn. Vergeblich versuche ich, die
Lücke in meiner Erinnerung zu schließen und ich starre dabei
entgeistert auf das Bett.
Janoschs Bett. Was, verdammt noch mal, tue ich in
Janoschs Bett?
Da öffnet sich hinter mir eine Tür.
“Hallo, Lissy. Ihr Schäfer könnt
die innere Uhr doch nie abstellen.” Er lächelt.
Und ich starre ihn fassungslos an. Dann ziehe ich
stumm an dem Pyjama.
“Oh, gefällt er dir?” Jetzt kommt
Janosch durch die Tür. Das Hemd über seiner Stoffhose
schmiegt sich schnurrend an seinen nackten Oberkörper. Er ist
wieder barfuß.
“Ich dachte, darin würdest du dich
wohler fühlen als in einem Nachthemd. Hatte ich Unrecht?”
Plötzlich läuft die Erinnerung an seine
Hände auf meiner Haut wie Eis über meinen Körper, und
ich wende mich ungläubig ab.
“Das darf doch nicht wahr sein!” Dann
denke ich entsetzt an Yune.
Janosch scheint sich zu amüsieren. “Es
ist leider nicht so, wie du denkst. Ich habe dir nur die
Unterstützung gegeben, die du benötigt hast. Du bist eine
starke Frau, Lissy. Aber manchmal brauchen selbst die Stärksten
unter uns jemanden, der uns unterstützt.”
Meine Hände fahren an mein Gesicht. Erst dann
werde ich wütend.
“Ich kann mich nicht daran erinnern, dich
darum gebeten zu haben. Was fällt dir eigentlich ein? Und wo sind
meine Kleider?”
“In der Waschmaschine”, antwortet er
lächelnd und zuckt mit den Schultern. “Ich fürchte, ich
konnte dem Schafgeruch nicht standhalten gestern Nacht. Aber sie sind
bald fertig. Willst du etwas frühstücken? Ich habe schon auf
der Terrasse den Tisch gedeckt.”
Als ich ihm nach einer Weile durch die offene
Tür nach draußen folge, sehe ich ihn misstrauisch an.
“Wo hast du dann geschlafen?”, will ich wissen.
Er deutet über seine Schulter auf eine
Hängematte. “Dort. Nachdem Yune mir so viel vom
Draußenschlafen vorgeschwärmt hat, habe ich selber
dafür eine Vorliebe entwickelt.”
Ich kann nicht sagen, dass ich ihm glaube. Mit
jeder Bewegung, die er macht, fliegt sein Geruch wieder in meine Nase
und mein Körper erinnert sich an Berührungen, für die
mein Verstand keine Bilder hat. Und ich bin viel ruhiger. Viel ruhiger
als gestern Abend, das macht mir Sorgen.
Ich sehe zu Yunes Haus. “Ist sie immer noch
nicht heim gekommen?”
“Nein, aber sie wird bald kommen”,
meint Janosch unbeschwert. Er greift nach einem Brötchen.
“Sie wird kommen, und zwar sehr bald.”
© 2005 Yune Maidegant.